Den richtigen Ton treffen – Die Prosodie des Menschen

Den richtigen Ton treffen – Die Prosodie des Menschen

Wenn wir sprechen benutzen wir unterschiedliche Tonarten. Der Tonfall trägt maßgeblich dazu bei, dass wir richtig verstanden werden. Je nachdem, in welcher Tonlage etwas geäußert wird, wird es auch unterschiedlich vom Gegenüber interpretiert. Die Neuropsychologin Daniela Sammler vom Max-Planck-Institut in Leipzig versucht dies mit einem simplen Beispiel zu verdeutlichen. Über einen Vergleich zwischen einem unentschlossenen, einem begeisterten und einem ironischen „Ja“ als Antwort auf einen Heiratsantrag zeigt sie, dass Betonung weit mehr Informationen über die Absicht eines Sprechers verrät, als das Gesagte allein.

 

 

Prosodie – Die Melodie der Sprache

Sprachwissenschaftler zählen Aspekte wie Sprechgeschwindigkeit und -rhythmus, Akzent und Intonation zur sogenannten Prosodie. Dies sind wichtige Eigenschaften unserer Sprache, die sie erst lebendig, teilweise sogar erst verständlich machen. Ob etwas Gesagtes eine Frage oder doch eher eine Aussage ist, wird beispielweise erst über die Prosodie deutlich. Wie Prosodie jedoch im menschlichen Gehirn verarbeitet wird, ist weitestgehend noch unbekannt. Doch Sammler und ihr Team vom MPI sind dieser Frage nachgegangen. Mittels funktioneller Magnet-Resonanz-Tomografie, einer sogenannten bildgebenden Methode, analysierten sie, welche Gehirnareale beim Menschen bei der Verarbeitung der Prosodie aktiviert werden. Die Aufgabe der sowohl weiblichen als auch männlichen Versuchsteilnehmer war es, zu entscheiden, ob ein über Kopfhörer eingespieltes, isoliertes Wort ursprünglich zu einer Frage oder einer Aussage gehörten.

 

 

Verarbeitung durch Nachahmung

Wie sich herausstellte, sind bei der Verarbeitung der Prosodie nicht die linksseitigen Areale, die normalerweise die menschliche Sprache steuert, gefordert. Vielmehr werden Regionen in der rechten Hirnhälfte aktiviert. Dort sitzen einerseits Nervenzentren, die die Akzentsetzung, den Intonationsverlauf oder die Pausensetzung interpretieren und andererseits Areale, die normalerweise die Bewegung des Kehlkopfes während des Sprechens koordinieren. Die Wissenschaftler schlussfolgerten, dass ein Gesprächspartner die für die Produktion der gehörten Äußerung notwendigen Bewegungen des Kehlkopfes nachahmt, innerlich das Gesagte also mitspricht, um die Prosodie richtig zu deuten. Zwar hatte man dieses Vorgehen erwartet, jedoch nahm man an, dass die linke Gehirnhälfte dafür zuständig ist. Über verschiedenen Nervenverbindungen, meist Pfade genannt, wird dann einerseits der Informationsaustausch der rechtsseitigen Areale untereinander gesichert und andererseits eine Verbindung zur linken Hemisphäre hergestellt. So werden dann Prosodie und sprachliche Äußerung wieder zusammengeführt und im Ganzen verarbeitet.

 

 

Die Forschung hat erneut gezeigt, wie komplex die menschliche Sprache ist. Simple Laute zusammengesetzt zu Worten, die dann zu Sätzen zusammengefügt werden, machen Sprache und vor allem das Verständnis und die Produktion alleine nicht aus. Erst die richtige Prosodie vervollständigt Äußerungen soweit, dass sie fehlerfrei verstanden werden können. Auch konzentriert sich Sprache nicht auf zwei große Areale in unserer linken Hemisphäre, sondern ist über Nervenzellen mit vielen anderen Regionen, vor allem motorischen Arealen, vernetzt. Ergebnisse wie die hier vorgestellten helfen dabei, das Mysterium Sprache und menschliches Gehirn weiter zu durchleuchten.