Wie unsere Sprache unser Denken bestimmt

Wie unsere Sprache unser Denken bestimmt

Auf der Welt werden rund 7.000 unterschiedliche Sprachen in noch weit mehr verschiedenen Kulturen gesprochen. Mehr und mehr beschäftigt sich die Wissenschaft damit, inwieweit verschiedene Sprachen in verschiedenen Kulturen verschiedene Denkweisen hervorbringen. Und man ist sich mittlerweile sicher: Die Struktur einer Sprache beeinflusst unsere weltliche Wahrnehmung. Doch wie kann man sich das vorstellen? Ein einfacher Versuch der Wissenschaftlerin Lera Boroditsky soll das beschrieben Phänomen verdeutlichen.

Die Wahrnehmung von Räumlichkeit

Auf einer Reise bittet sie ein 5-jähriges Mädchen, das zur Kultur der Aborigines gehört, nach Norden zu zeigen. Ohne Probleme verweist das kleine Mädchen in die richtige Richtung. Nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien, Russland und China wiederholt sie diesen Versuch mit etablierten Wissenschaftlern und erzielt ein beeindruckendes Ergebnis: Im Gegensatz zum kleinen Mädchen war es den meisten Wissenschaftlern nicht möglich, ad hoc und korrekt auf die richtige Himmelsrichtung zu verweisen. Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen sprachlichen Codierung von Räumlichkeit. Deutsch beispielsweise nutzt die Bezeichnungen „links“ und „rechts“ um räumliche Verhältnisse auszudrücken. Die bei den Aborigines gesprochene Sprache Kuuk Thaayorre hingegen kennt die Einteilung links/rechts nicht. Hier werden räumliche Verhältnisse über Himmelsrichtungen angegeben. So steht eine Lampe nicht etwa links vom Sofa, sondern beispielsweise südwestlich davon. Das kleine Mädchen ist mit den Himmelsrichtungen also sehr vertraut, nutzt sie täglich, wohingegen die getesteten Wissenschaftler mit etwas eher ungewohntem konfrontiert wurden. Im Zusammenhang damit wurde wissenschaftlich belegt, dass Sprecher, wie das kleine Mädchen, einen deutlich effizienteren Orientierungssinn besitzen und dadurch in fremden Gebieten oder Gegenden sichtlich besser zurechtkommen.

Die Vorstellung von Zeit

Doch welche Auswirkungen hat eine unterschiedliche Wahrnehmung von Raum auf die kognitive Repräsentation von Zeit? In einer Studie wurden Sprecher verschiedener Sprache gebeten, Bilderfolgen in eine zeitliche Reihenfolge zu bringen. Unter der Annahme, dass unsere Schreibrichtung die zeitliche Organisation prägt, stellte sich heraus, dass beispielsweise Sprecher des Englischen die Bilder von links nach rechts, als in der Richtung, in der geschrieben wird, anordneten, wohingegen Sprecher des Arabischen die Bilder von rechts nach links sortierten. Komplett konträr dazu war die Anordnung bei Sprechern von Kuuk Thaayorre, denn diese sortierten die Bilder nicht grundsätzlich von rechts nach links oder anders herum, sondern immer von Osten nach Westen – und das in Abhängigkeit von ihrer Sitzposition. Schaute ein Sprecher also beispielsweise nach Norden, wurden die Bilder von links nach rechts sortiert, war die Ausrichtung jedoch nach Westen, wurde vom Körper weg sortiert, also von unten nach oben. In Sprachen wie dem Englischen oder Deutschen liegt „später“ den obigen Studien zufolge rechts von „früher“, wohingegen es im Arabischen anders herum ist. Bei den Aborigines liegen zeitlich eher gelegene Ereignisse wiederum im Osten. Es zeigte sich also, dass eine unterschiedliche Auffassung von Raum auch eine differenzierte Vorstellung von Zeit mit sich bringt.

Sprache beeinflusst uns jeden Tag

Doch die Struktur einer Sprache beeinflusst noch mehr Bereiche als nur Raum und Zeit. Je nachdem, wie eine Sprache codiert ist, fällt es Sprechern leichter bzw. schwerer sich an Ereignisse zu erinnern. So wird angenommen, dass Menschen, in deren Sprache häufiger das Aktiv als das Passiv genutzt wird, sich durch diesen Umstand besser erinnern können. Dies wiederum kann einen Einfluss auf Zeugenaussagen und deren Interpretationen haben. Darüber hinaus bestimmt unsere Sprache, wie schnell wir etwas Neues lernen. Beispielsweise wird im Hebräischen das Geschlecht, der Genus, detailliert angegeben (selbst bei Pronomen wie „Ich“ oder „Du“). Kin-dern, die Hebräisch sprechen, fällt es leichter zu erkennen, welches ihr eigenes Geschlecht ist, da sie von Anfang an im Umgang mit dem Genus geschult werden. Finnische Kinder hingegen, in deren Sprache kein geschlechtlicher Unterschied getroffen wird, begreifen erst später, ob sie Junge oder Mädchen sind. Aber auch analytische Fähigkeiten, also der Umgang mit Zahlen, wird durch die eigene Sprache beeinflusst. Einige Kulturen kennen beispielsweise keine konkreten Zahlen, sondern unterscheiden zwischen „viel“ und „wenig“. Dementsprechend passt sich auch die weltliche Wahrnehmung an.

 

Sprache beeinflusst also nachweisbar unsere Denkweise, die wiederum unsere Sprache prägt. Sprach-spezifischen Merkmale und linguistische Unterschiede formen unsere Wahrnehmung; unsere soziale, gesellschaftliche und kulturelle Umwelt definiert die Worte, die wir nutzen, um diese zu beschreiben. Die Erforschung der Beziehung von Sprache und Denkweise ist wichtig, da sie uns Aufschluss darüber gibt, wie wir Menschen und unsere Entwicklung sind.